
„Kein Herforder Bier aus Warstein“, dieses selbstgemalte Plakat hielten gleich mehrere Teilnehmer der Solidaritätskundgebung vor den Herforder Brauereitoren in die Höhe. Es zeigte den Unmut, der der Warsteiner Brauerei nach der Ankündigung der Schließung ihres Standortes in Herford sowie der geplanten Aufgabe von Paderborn entgegenschlägt (wir berichteten). Der Imageverlust für die Marke Warsteiner dürfte angesichts des harten Einschnitts im ostwestfälischen Biermarkt enorm sein; und in der Region zwischen Minden und Paderborn werden vermutlich rund 75 Prozent der Braukapazität noch in diesem Jahr verloren gehen. Übrig bleiben regionale Anbieter.
Standorte werden geschleift
Vor dem Auftakt der anstehenden Tarifverhandlungen hatte die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) zu einer Kundgebung aufgerufen. Rund 300 Teilnehmer versammelten sich daraufhin vor Ort. Die geplante Schließung der traditionsreichen Herforder Brauerei stößt auch mehrere Wochen nach Bekanntgabe auf massiven Widerstand. Der Zorn der Biertrinker über das Aus ist noch lange nicht verhallt. Stattdessen melden sich immer neue Akteure zu Wort, und eine Online-Petition will retten, was noch zu retten ist. Dass solche Proteste Betriebsschließungen noch verhindern können, gilt als unwahrscheinlich. Das zeigte sich bereits bei der Schließung der Binding-Brauerei in Frankfurt und der Stilllegung des Oettinger-Standorts in Braunschweig.

Bei der von der NGG organisierten Solidaritätskundgebung für die 98 von der Schließung betroffenen Beschäftigten am Standort Herford war die Stimmung von Enttäuschung und Unsicherheit geprägt. Dass es einige hundert Liter Freibier gab, die noch aus den letzten in Ostwestfalen abgefüllten Fässern stammen sollten, überraschte. Nach Informationen der „Neuen Westfälischen“ soll die Fassbierabfüllung von Herforder Pils bereits nach Warstein ausgelagert worden sein.Damit hätte Noch-Geschäftsführer Jens Hoffmann die Weichen für den rasch angekündigten Abbau der Abfüllkapazitäten gestellt. Jedenfalls dürfte die jüngst beschaffte Krones-Abfüllanlage vor allem wegen ihrer großen Flexibilität beim Befüllen unterschiedlichster Gebinde alsbald den Weg von Herford nach Warstein antreten.
NGG macht Warsteiner Vorwürfe
Immer offener spricht die NGG inzwischen von der wirtschaftlich angeschlagenen Lage der Haus Cramer-Gruppe, die jetzt innerhalb weniger Monate die gesamte Produktion an ihren Hauptsitz in Warstein verlagern will. Über die Zukunft der Paderborner Brauerei ist hingegen nichts bekannt, nur so viel, dass das Stadtoberhaupt der Bistumsstadt ebenfalls von der Schließung ausgeht – ein Verkauf scheint dennoch nicht ausgeschlossen. Die Unternehmensführung begründet das Aus ihrer ostwestfälischen Dependancen mit der schwierigen Lage der Brauwirtschaft, hatte aber bereits 2021 gegenüber der NGG vordringlich wirtschaftliche Probleme im eigenen Unternehmen ins Feld geführt.
Scharfe Kritik an der Entscheidung kam anlässlich der Solidaritätskundgebung vom NGG-Landeschef Mohamed Boudih. Zwar seien die Turbulenzen des Unternehmens seit Jahren bekannt, die Verantwortung dafür liege jedoch allein bei den Eigentümern und der Geschäftsführung, nicht bei der Belegschaft. Boudih kündigte an, dass Warsteiner die Schließung teuer bezahlen müsse. Die Verhandlungen über einen Sozialtarifvertrag beginnen zeitnah.
NGG hat Tarifverzicht zugestimmt
Zudem wirft die Gewerkschaft der Haus Cramer-Gruppe offenkundigen Wortbruch vor: Es habe eine Standortgarantie bis Ende 2028 gegeben, die mit der jüngsten Entscheidung obsolet geworden sei. Im Gegenzug hatte die NGG der Belegschaft seit Mitte 2021 in großem Umfang Gehaltseinbußen abgerungen, darunter den Verzicht auf Tariferhöhungen, Urlaubsgeld und Teile des Weihnachtsgeldes. Der Status weit unter dem Flächentarifvertrag, der für die Hauptwettbewerber Krombacher und Veltins gilt, wurde gewerkschaftlich kleinlaut akzeptiert.
Kein Wunder, dass die NGG einen harten Kurs ankündigt. Es geht längst auch um ihren guten Ruf und die Glaubwürdigkeit bei den Mitgliedern. Eine leise und kampflose Schließung der Brauereien in Ostwestfalen werde es laut NGG nicht geben. Der Landesbezirk will mit den Betriebsräten – auch mit Unterstützung des Betriebsrats aus Warstein – Druck auf die Geschäftsführung unter der Führung von Raphael Rauer und Jens Hoffmann ausüben. Von einem Familienunternehmen erwarte man den Anstand, die Belegschaft sozial abzufangen.
Familienerbe 2007 millionenschwer versilbert
Martin Uekermann, Urenkel eines der Brauerei-Gründer sprach inzwischen öffentlichkeitswirksam und nun auch vor der Belegschaft über den ausgemachten „Fall Herforder“. Mit Unverständnis begegnete Uekermann der Unternehmensentscheidung, dass die Haus Cramer-Gruppe 2025 erst in großem Umfang in die Herforder Brauerei investiert habe und jetzt das Aus ins Haus stehe.

Mit einem Stück Wehmut erinnerte Uekermann an die Zeiten, als er zwischen Lkw und Gabelstaplern aufgewachsen sei. Allerdings blieb ein Fakt unerwähnt: Mit dem Verkauf der Brauerei an Warsteiner im Jahr 2007 realisierten die Gesellschafter einen Millionen-Erlös. Die Verantwortung für die Zukunft des traditionsreichen Unternehmens lag von diesem Zeitpunkt an beim neuen Eigentümer.
Barre bringt sich in Position
Die angekündigte Schließung der Herforder Brauerei stößt in der regionalen Brauwirtschaft auf deutliche Resonanz. In einer Stellungnahme gegenüber den Medien und auf den eigenen Social-Media-Kanälen meldete sich Christoph Barre, Geschäftsführer der Privatbrauerei Barre in Lübbecke, zu Wort und versuchte seine Deutung für das Aus des Konkurrenten.
Nach Ansicht von Barre habe es gleich mehrere Faktoren für den Niedergang des Unternehmens gegeben: Ein kontinuierlicher Verlust von Marktanteilen der Herforder Brauerei habe es Großbrauereien von außerhalb erst ermöglicht, in den angestammten Markt vorzudringen. Flankiert worden sei diese Entwicklung durch eine aggressive Preispolitik des Lebensmitteleinzelhandels. Durch regelmäßige Billig-Bier-Aktionen externer Hersteller werde der Griff zu regionalen Produkten spürbar zulasten der heimischen Anbieter geschmälert – ein Schicksal, das Christoph Barre mit allen regionalen Brauern teilt, die sich das Geschäft mit den großen LEH-Zentralen schichtweg nicht leisten können. Zu gering sind ihre Größe, Rendite und Marktkraft.

Christoph Barre selbst sei kein Fall einer vormals selbstständigen Privatbrauerei bekannt, die durch die Eingliederung in einen Braukonzern langfristig Vorteile erlangt hätte. Als Profiteure des angekündigten Produktionsstopps in Herford sieht der regionale Brauereichef vor allem die Konkurrenz. Die größten Marktanteile dürften sich laut Barre nun wie so oft die Großbrauereien aus dem Sauer- und Siegerland sichern.
Er meinte damit vor allem Krombacher. Die Siegerländer hatten Ostwestfalen bereits 2004 und damit vor dem Verkauf der Herforder Brauerei zum Expansionsgebiet erklärt. Der legendäre Krombacher Marketing-Geschäftsführer Hans-Jürgen Grabias („Regenwaldkampagne“) nahm den Einstieg beim Traditionsverein DSC Arminia Bielefeld zum Anlass, um keinen Zweifel an den vertrieblichen Ambitionen zu lassen: „Wir wollen Flagge zeigen in Ostwestfalen, das ist ein wichtiges Kerngebiet für die Krombacher Brauerei.“
Fortan wurde der Marktdruck immer größer. Die Warsteiner Brauerei beantwortete ihn für die Marktpräsenz von Paderborner Pilsener in der Gastronomie auf einfache Weise. Die Betriebe wurde weitgehend auf die Stamm-Marke Warsteiner umgestellt, so dass es im Paderborner Land so gut wie keinen Betrieb mehr gibt, der die Bistumsmarke offensiv bewirbt.
Keiner über 200.000 Hektoliter
Dass die künftig in Warstein gebrauten Herforder Biere den Aufdruck „Gebraut im Sauerland“ tragen sollen, dürfte die Diskussion um die regionale Identität der Marke weiter befeuern. Vielerorts wird von einem Etikettenschwindel gesprochen. Würde nach Herford auch Paderborn tatsächlich geschlossen, käme dies einem Abbau in Ostwestfalen von gut und gerne 1,5 Millionen Hektolitern gleich.
Im Norden der Region, am Fuße des Wiehengebirges, sichert die Privatbrauerei Ernst Barre in Lübbecke die Bierversorgung des Mindener Landes. Von einem Ausstoß von 150.000 Hektolitern im Jahr 2010 dürften nach Branchenschätzungen noch 130.000 Hektoliter übriggeblieben sein.
Weiter südlich, im lippischen Detmold, sorgt die Privat-Brauerei Strate für überregionale Aufmerksamkeit. Geführt von den Frauen der Familie Strate, hat sich der Betrieb durch seine markanten Bügelverschlussflaschen und eine große Vielfalt an handwerklichen Bierspezialitäten einen Namen gemacht. Doch die Biermarktkrise ging auch an den beiden Strate-Schwestern nicht spurlos vorüber. Von 158.000 Hektolitern im Jahr 2015 sind aktuell rund 120.000 Hektoliter übrig.
Abgerundet wird die regionale Brautradition im Westen durch die Privat-Brauerei Hohenfelde in Langenberg im Kreis Gütersloh, die von 70.000 Hektoliter auf 50.000 Hektoliter schrumpfte. Im äußersten Süden gibt es noch die Warburger Brauerei im Kreis Höxter. Dort braut die Familie Kohlschein rund 20.000 Hektoliter Bier.
Herforder verliert mehr als der Markt
Es steht außer Frage: Gelitten haben alle Brauereien unter dem strukturellen Wandel des Biermarktes durch demografischen Zielgruppenverlust, Konsumzurückhaltung und sich verändernde Produktpräferenzen. Christoph Barre wird im Hinblick auf den Herforder Existenzverlust deutlich und richtet seine Einschätzung unmittelbar an die Adresse von Warsteiner und deren vertriebliche Misserfolge: „Es ist zwar richtig, dass der Biermarkt in Deutschland seit vielen Jahren kontinuierlich schrumpft – seit der Jahrtausendwende betrug der Verlust rund 30 Prozent. Die Absatzverluste der Marke Herforder waren aber erheblich höher – im gleichen Zeitraum gingen dort rund 70 Prozent des Volumens verloren.“
Der Beitrag Herforder Brauerei: Protest gegen das Aus erschien zuerst auf Aktuelle Nachrichten aus der Getränkeindustrie.
Quelle: https://getraenke-news.de/herforder-brauerei-protest-gegen-das-aus/